Mögliche Sturmmöwe der Unterart ‚Larus canus heinei‘ seit 2016/2017 Wintergast am Bodensee

Ein avifaunistischer Kurzbeitrag zur Diskussion rund um die Bestimmung der möglichen Unterart ‘heinei’ in der Schweiz und am Bodensee

Sturmmöwen zählen – neben den häufigeren Lachmöwen und Mittelmeermöwen – zum vertrauten Winterbild an den meisten Gewässern in der Schweiz. Alle drei Arten sind Referenzarten jedes Möwenbestimmungskurses, ohne deren ausreichende Kenntnis über alle möglichen Alterskleider die Bestimmung der übrigen regelmässig/unregelmässig auftreten Möwenarten wie Steppenmöwe und Silbermöwe erschweren würde. Generell zählen die Möwen, insbesondere Grossmöwen in ihrer Unterscheidung immer noch zu den Hauptherausforderungen vieler Ornithologinnen und Ornithologen. Nur wenige von ihnen scheuen den Aufwand nicht, Möwengruppen über längere Zeit zu beobachten und zu studieren. Eine leider oft vernachlässigte aber in jeder Hinsicht lohnenswerte Form der Ornithologie.

Der Ostschweizer Sepp Trittenbass ist ein bekennender Fan von Limikolen und Möwen. Der 72-Jährige betreibt die Ornithologie seit 40 Jahren und hat dabei 1984 den Thurgauer Exkursionsleiterkurs absolviert. Zu seinen bevorzugten Beobachtungsorten zählt der Bodensee zwischen Arbon/Steinach und der Bregenzer Achmündung beim Vorarlberger Rheindelta. Ein Grossteil seiner in ornitho.ch eingetragenen Meldungen betreffen Möwen.

Abb.1. Sturmmöwe Larus canus canus adult (links) und mögliche Larus canus heinei adult (rechts) am 30.01.2017 in der Steinacherbucht SG. Foto: Sepp Trittenbass

Am 30.01.2017 beobachtete Sepp Trittenbass in der Steinacherbucht. Dabei fielen ihm zwei Sturmmöwen auf, von denen eine offensichtlich andere strukturelle Merkmale aufzuweisen schien. Zusammen mit den Eindrücken aus der Feldbeobachtung und Belegfotografien nährte sich beim Beobachter der Verdacht, dass es sich bei der einen Möwe um die östliche Unterart der Sturmmöwe Larus canus heinei, in der Literatur auch als «Russische Sturmmöwe» bezeichnet, handeln könnte. Sepp Trittenbass gelang es, im Februar/März 2017 die fragliche Sturmmöwe bei Steinach mehrmals wiederzufinden und zu fotografieren, ein Vorgang, der ihn seit der Entdeckung bis heute jeden Winter begleitet. Sein vorläufig letzter Nachweis stammt vom 18.02.2021 wiederum bei Steinach. Es ist nicht auszuschliessen, dass es sich alljährlich um dasselbe adulte Individuum handelt, weil durch wiederkehrende Ringfunde im Winter eine über Jahre dauernde Ortstreue von Möwen belegt ist. Siehe dazu auch den Artikel «Markierte Möwen» in dieser Webseite.

Abb.2. Mögliche Sturmmöwe Larus canus heinei am 08.03.2020 in der Steinacherbucht SG.
Beachte kräftiger gelber Schnabel mit dunklem Band, sehr helle Iris, weisser Kopf, Nackenstrichelung, Handschwingenmuster schwarz HS10-4, schwarze HS10-8 bis zu den Handdecken, geschlossenes Band auf HS5, beidseitig schwarze Punkte auf HS4. — Diese Merkmalkombination von heller Iris mit schwarzen Markierungen beidseits von HS4 kommen auch nur bei etwa 20-30% der UA ‘heinei’ vor und sind bei der ‘canus’ ausgeschlossen. Foto: Sepp Trittenbass (Anmerkung: das zuerst veröffentlichte Bild vom 06.03.2017 wurde mit diesem hier ersetzt.)

In Anbetracht, dass es sich um einen schweizerischen Erstnachweis dieser Unterart der Sturmmöwe handeln könnte, reichte Sepp Trittenbass 2017 ein Beobachtungsprotokoll mit Fotobelegen bei der Schweizerischen Avifaunistischen Kommission (SAK) ein. Auf Grund ungenügender Übereinstimmungen mit dem Bestimmungsschlüssel und fehlender Erfahrung mit der Unterart wurde die Unterartbestimmung abgelehnt. Die Fragen um diese Beobachtungen bleiben somit offen und spannend, zumal auch in Mitteleuropa Erfahrungen mit dieser Unterart weitgehend fehlen. Die Winterverbreitung der Unterart ‘heinei’ liegt an den Küsten Südeuropas (Kroatien bis Südtürkei) und im Norden an den Küsten der Ost- und Nordsee sowie den Britischen Inseln (OLSEN & LARSSON, 2003), weshalb ein europäischer Binnenlandnachweis durchaus im Bereich des Möglichen liegen würde.

Offenbar hat man sich schon in den 1960er Jahren und später in Finnland, Dänemark und Norddeutschland mit Fragen zu ‘heinei’ beschäftigt. Damals versuchte man, an gefangenen Individuen anhand der Flügellänge, Schnabelhöhe und Mantelfarbe zu einer Identifikation zu gelangen. Erst mit den umfangreichen Untersuchungen von ADRIAENS & GIBBINS (2016) wurde ein Weg geschaffen, der für eine sicherere Bestimmung von Larus canus heinei herangezogen werden kann. Sepp Trittenbass ist sich inzwischen sicher, dass es sich beim Individuum von Steinach um eine «Russische Sturmmöwe» handelt und vertritt die Meinung, dass diese Möwe wahrscheinlich schon vor 2017 am Bodensee überwintert hat. Da die Unterart ‘heinei’ in keinem Vogelführer Europas aufgeführt bzw. abgebildet ist, bestand bei den Ornithologen kaum Anlass, mit diesem Vogel rechnen zu müssen. Ähnliches passierte bei der Steppenmöwe, die 1997 als Nominatform der «Weisskopfmöwe» erstmals in der Schweiz im Hafen von Romanshorn TG entdeckt und bestimmt wurde (SCHWEIZER, 1999), möglicherweise aber schon Jahre zuvor aus mangelnden Kenntnissen unentdeckt blieb. Die damalige Systematik der Möwen unterteilte die «Weisskopfmöwe», nämlich Larus c. cachinnans (Steppenmöwe), neben der Unterart Larus c. michahellis (Mittelmeermöwe), was sich auch in den Bestimmungsbüchern wie z.B. im Kosmos Vogelführer von 1999 (SVENSSON et al, 1999) niederschlug. Steppenmöwe und Mittelmeermöwe sind heute eigenständige Arten mit eindeutig unterscheidbaren (strukturellen) Merkmalen. Sie werden mittlerweile in aktuellen Bestimmungsbüchern auch getrennt dargestellt und beschrieben.

Gemäss OLSEN & LARSSON (2003) erstreckt sich das Brutgebiet von Larus canus heinei (vereinfacht) entlang des Nördlichen Polarkreises quer durch ganz Russland bis zum Ochotskischen Meer im Osten, wo sich das Brutgebiet von ‘heinei’ mit jenem der weiteren Unterart Larus canus kamtschatschensis («Kamtschatka Sturmmöwe») überschneidet. Die Autoren erwähnen u.a., dass Larus canus heinei im Feld nur schwer von der Nominatform zu unterscheiden sei.

Abb.3. Sturmmöwen Larus canuns canus (links) und mögliche Larus canus heinei (rechts) im direkten Vergleich. Steinach SG, 06.03.2018, Foto: Sepp Trittenbass

In der intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema stützt sich Sepp Trittenbass auf Rückmeldungen von Ornithologen aus Deutschland und Kasachstan, ferner auf den Bestimmungsschlüssel von ADRIAENS & GIBBINS (2016) und nennt folgende Feldkennzeichen für Larus canus heinei:

Etwas grösser als Larus canus canus, mit kantigem Kopf, steiler Stirn und abgeflachtem Scheitel. Iris aufgehellt. Schnabel kräftig gelb mit dunklem Subterminalband. Kräftig gelbe Beine. Nackenstrichelung. Sichtbare Handschwinge (HS) 5 mit geschlossener Subterminalbinde.

Das Handschwingenmuster ist entscheidend für eine sichere Bestimmung von Larus canus heinei:

HS 10 und 9 schwarz bis Handdecken
HS 8 schwarz bis Handdecken, mindestens die Aussenfahne
HS 7 mit kein (oder wenig) Weiss an der grauen Zungenspitze
HS 6 mit langer schwarzer Aussenfahne (mind. 2/3)
HS 5 mit geschlossener, breiter schwarzer Subterminalbinde
HS 4 mit zwei Markierungen (nicht zwingend, aber ideal)

Abb.4. Mögliche Sturmmöwe Larus canus heinei am 27.02.2017 in der Steinacherbucht. Es sind die Handschwingen (HS) 10-4 sichtbar. Zu beachten ist bei HS9 der kleine, runde, von der HS-Spitze weitentfernte Apikalfleck, der zudem etwa gleich gross ist wie das Subterminalband. Foto: Sepp Trittenbass.

Schlussbemerkungen

Die Steinacherbucht zwischen Arbon TG und Steinach SG am Bodensee eignet sich sehr gut zum Studium von Möwen, insbesondere Grossmöwen. Der Platz dürfte in den nächsten Jahren wahrscheinlich an Bedeutung verlieren, da der dort ansässige Berufsfischer altershalber seine Arbeit aufgeben dürfte. Möwen und Graureiher profitierten von ausgeworfenen Fischabfällen. Da die von Sepp Trittenbass im Winter 2016/17 entdeckte und bis heute immer wieder beobachtete mögliche «Russische Sturmmöwe» sich vornehmlich in diesem Gebiet aufhält, lohnt es sich nach ihr Ausschau zu halten und Beobachtungen zu dokumentieren. Gut möglich, dass zu einem späteren Zeitpunkt und einem allfälligen Akzept der Art durch die zuständige Kommission jede Form von Belegen hilfreich sein könnte. Im neuesten Werk von OLSEN (2018) sind mehrere Abbildungen von Larus canus heinei sowie Beschreibungen enthalten.

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Literatur

Adriaens, P. & C. Gibbins (2016) Identification of the Larus canus complex, Durch Birding 38 : 1-64.
Olsen, K.M. & H. Larsson (2003) GULLS of Europe, Asia and North America, Helm.
Olsen K M (2018) GULLS oft he World, A Photographic Guide. Princeton University Press.
Schweizer M (1999) Der Erstnachweis der Nominatform der Weisskopfmöwe Larus c. cachinnans in der Schweiz. Ornithologischer Beobachter 96: 131–135.
Svensson L, P Grant, K Mullarney und D Zetterström (1999) Der neue Kosmos Vogelführer, alle Arten Europas, Nordafrikas und Vorderasiens, Kosmos, Stuttgart.

1. Nachweis der Präriemöwe in der Schweiz

Ein Nachtrag zur Entdeckung der nordamerikanischen Möwenart am Rhein bei Schaffhausen vom Januar 2006.

Präriemöwe, 2.KJ | 04.01.2006, Kraftwerk Schaffhausen bei Flurlingen ZH / Schaffhausen SH; Belegfoto des Schweizerischen Erstnachweises: Harald Roost

Der erste Hinweis auf eine „kleine Möwe“ ging am 13.01.2006 vom Biologen und Kantonsschullehrer Jürg Cambensy aus, der den Verdacht auf eine „vermutliche“ Zwergmöwe an der Schaffhauser Schifflände äusserte, eine im Winter selten auftretende Art. Er informierte „intern“ den lokalen Vogelschutzverein TURDUS sowie Stephan Trösch, worauf am Samstag, 14.01.2006 der Schaffhauser Ornithologe Pascal Parodi die auch ihm unbekannte kleine Möwe am Rhein beim „Lindli“ Schaffhausen sehen konnte. — Er informierte Martin Roost und Stephan Trösch über die Beobachtung. Es gelang ihnen zunächst nicht, am späteren Nachmittag bei diffuser werdendem Licht die Möwe (als Aztekenmöwe oder Präriemöwe) eindeutig zu bestimmen. Immerhin konnte eine Zwergmöwe ausgeschlossen werden. Erst ein Telefongespräch vor Ort von Stephan Trösch mit dem Möwenkenner Manuel Schweizer gab dann die Gewissheit, dass es sich um eine Präriemöwe im 2. Kalenderjahr (KJ) handelte, eine Art, die bis anhin in der Schweiz noch nie nachgewiesen wurde.

Beobachtergruppe am Rhein beim „Lindli“ Schaffhausen | 15.01.2006, Foto: Stephan Trösch

Die sensationelle Entdeckung machte schnell die Runde und tagsdarauf kam es zu den „berühmt-berüchtigten“ Aufläufen von Beobachterinnen und Beobachtern aus nah und fern, welche die Präriemöwe als Beobachtung und Fotografie in ihr Artenportfolio aufnehmen wollten. Für einmal war der Beobachtungsort ohne Probleme offen zugänglich, in keiner „sensiblen“ Naturschutzzone und zudem zeigte sich die Präriemöwe alles andere als scheu. Perfekte Bedingungen für Beobachtende und Fotografierende.

Die Einträge in http://www.ornitho.ch zeigen auf, dass die Präriemöwe in Schaffhausen letztmals am 31.01.2006 beobachtet wurde. Nach einer mehrwöchigen Absenz wurde sie überraschenderweise am 20.02.2006 an der Limmat bei Dietikon ZH wiederentdeckt. Da sich auch diese im 2.KJ befand, darf angenommen werden, dass es sich um den „Schaffhauser Vogel“ handelte. Die Möwe sorgte seit ihrer Entdeckung für lokale und nationale Schlagzeilen und schaffte es am 18.01.2006 sogar in die Sendung „10 vor 10“ des Schweizer Fernsehens:

Link zum Beitrag: Präriemöwe in der Sendung "10 vor 10" des Schweizer Fernsehens, bei "Bild des Tages", 10'48"

Erst 13 Jahre später wurde publik, dass die eigentliche Entdeckung der Präriemöwe bereits am Mittwoch, 04.01.2006, also zehn Tage vor der bis dato bekannten Erstsichtung stattfand. — Harald Roost, Fotograf und Ornithologe entdeckte die für ihn damals unbekannte Möwe am Rhein beim Kraftwerk Schaffhausen. Sie hielt sich auf der gegenüberliegenden zürcherischen Seite auf, wo Harald Roost Belegaufnahmen machen konnte. Da ihm die Spezialliteratur zur Möwenbestimmung fehlte wurde es dem Beobachter erst mit dem Erscheinen der ersten Presseartikel bewusst, welche Möwenart er entdeckt und fotografiert hatte. Im Oktober 2019 wurde seine Entdeckung auf ornitho.ch veröffentlicht und der Nachweis von der Schweizerischen Avifaunistischen Kommission (SAK) anerkannt.

Beobachtende am 15.01.2006 am Schaffhauser Lindli. In Bildmitte Möwenkenner Manuel Schweizer, der telefonisch entscheidend mithalf, die Möwe am 15.01.2006 zu bestimmen. Foto: Stephan Trösch
Präriemöwe, 2.KJ | 16.01.2006, Schaffhausen, Schifflände, Foto: Martin Roost
Präriemöwe, 2.KJ | 20.01.2006, Schaffhausen SH, Foto: Stephan Trösch
Grosses Interesse von Ornithologen und Passanten | 22.01.2006, Schaffhausen, Schifflände; Foto: Martin Roost
Präriemöwe, 2.KJ | 22.01.2006, Schaffhausen SH, Foto: Martin Roost

Fachartikel zum Thema

Folgende Nachweise der Präriemöwe sind in der Schweiz bekannt:
1 Ind. 2.KJ, 04.01. und 14. - 31.01.2006, Flurlingen ZH und Schaffhausen SH
1 Ind. 2.KJ, 20.02. - 09.03.2006, Dietikon/Unterengstringen ZH
1 ad. PK, 04. - 05.05.2016, Cudrefin VD und Marin-Epagnier NE

Quelle: www.ornitho.ch

Steppenmöwe „P:9K2“ erstmals am Bodensee und in der Schweiz

Steppenmöwe P:9K2, 3.KJ | 07.02.2021, Romanshorn TG

Die Entdeckung einer Möwe mit einer neuen Markierung ist für mich jedesmal ein freudiges Ereignis. So geschehen anlässlich des letzten Möwenkurs-Praxistages vom 07.02.2021 in Romanshorn. Zusammen mit den Kursteilnehmenden konnte während dem feinen Dauerregen zunächst der Romanshorner Stammgast — die Silbermöwe X1X7 — beobachtet werden. Plötzlich gab es auf einem Steg im Hafen einen Streit zwischen Grossmöwen und einer Rabenkrähe wegen einem Stück Brot. Mitbeteiligt waren eine Mittelmeermöwe 2.KJ, Silbermöwe X1X7 und eine Steppenmöwe 4.KJ. Später war neben einer adulten Mittelmeermöwe auch eine eben angeflogene Steppenmöwe 3.KJ zugegen. Die Farbmarkierung war wegen der etwas trüben Sicht zuerst gar nicht aufgefallen (beim fliegenden Vogel sogar erst zuhause am Foto). Später präsentierte sich die Möwe auf einem Pfosten und der Ring konnte abgelesen werden.

Mittelmeermöwe 2.KJ (links), Silbermöwe adult (Mitte) und Steppenmöwe 4.KJ (rechts), 07.02.2021, Romanshorn TG

Auf der Website der Ornithological Station, Museum and Institute of Zoology of the Polish Academy of Sciences“ können Ringfunde von in Polen markierte Möwen abgefragt werden. Die Meldung von „P:9K2“ erfolgt direkt in http://www.ornitho.ch und offenbar leitet die Ringfundzentrale der Vogelwarte Sempach die Meldungen nach Polen weiter.

Auf dem linksstehenden Auszug von P:9K2 sind die bisherigen Nachweise aufgeführt.

Steppenmöwe P:9K2, 3.KJ, 07.02.2021, Romanshorn TG

Erstnachweis der Polarmöwe in der Schweiz

1. Nachweis CH | Merligen BE (Thunersee)

In den letzten 16 Jahren gab es in der Schweiz vier Erstnachweise von neuen Möwenarten: 1997 entdeckte M. Schweizer in Romanshorn die erste Steppenmöwe, 2005 M. Wettstein am Thunersee bei Merligen eine Aztekenmöwe, 2006 P. Parodi in Schaffhausen eine Präriemöwe und jetzt, am 25.01.2013, M. Hammel in Merligen am Thunersee (Kanton Bern) eine Polarmöwe. Letztere zählt im europäischen Binnenland zu den sehr seltenen Ausnahmeerscheinungen. Eine in früherer Literatur aufgeführte Polarmöwe von 1849 vom Neuenburgersee erwies sich bei einer Revision als Eismöwe (Maumary et al., 2007). Wie gewöhnlich bei Erstnachweisen lockte die Polarmöwe seit ihrer Entdeckung dutzende von Ornithologinnen und Ornithologen an den Thunersee und wie damals bei der Präriemöwe in Schaffhausen fand der Vogel eine starke Präsenz in verschiedenen Medien der ganzen Schweiz.

1. Nachweis CH | Merligen BE (Thunersee)

Die endemisch in Grönland vorkommende Polarmöwe (Nominatform Larus glaucoides glaucoides) brütet dort in mehreren 10’000 Brutpaaren. Sie überwintert im Nordatlantik (Island) bis zu den Britischen Inseln. Die ihr sehr ähnliche Unterart – Kumlienmöwe Larus glaucoides kumlieni – ist Brutvogel in der kanadischen Arktisregion (ca. 10’000 Brutpaare) und überwintert von Labrador bis Neu-England und im Gebiet der Grossen Seen. Polarmöwen sind – zusammen mit der grösseren und ihr ähnlichen Eismöwe – an der Küste Deutschlands regelmässige aber spärliche Wintergäste, die hauptsächlich einzeln auftreten. Im Winter 2012 gab es in Norddeutschland einen Einflug von mehreren Polarmöwen mit Beobachtungen an etwa 25 Orten, u.a. bis im 200km von der Küste entfernten Raum Braunschweig. – Quellen: G. Braemer in „Aves Braunschweig 3 (2012), D. Gruber in Club300.de (02.02.2012) sowie Meldungen in ornitho.de.

Polarmöwe über dem Thunersee, 30.01.2013

Woher stammt der schweizerische Erstnachweis? Oft sind starke Stürme aus westlicher Richtung Ursachen für Verfrachtungen von Vögeln bis ins europäische Binnenland. Wir erinnern uns an den Sturm „Lothar“ von 1999, der viele Hochseevögel (Pelagen) u. a. bis nach Mitteleuropa brachte. Bei der Polarmöwe von Merligen könnte es durchaus auch um einen der in Norddeutschland im letzten Winter eingeflogenen Vögel handeln und der jetzt seiner inneren Uhr folgend den Weg ins Winterquartier Schweiz eingeschlagen hat. Regelmässige updates zu den Beobachtungen finden Sie auf Swissbirdalert. —