1. Nachweis der Präriemöwe in der Schweiz

Ein Nachtrag zur Entdeckung der nordamerikanischen Möwenart am Rhein bei Schaffhausen vom Januar 2006.

Präriemöwe, 2.KJ | 04.01.2006, Kraftwerk Schaffhausen bei Flurlingen ZH / Schaffhausen SH; Belegfoto des Schweizerischen Erstnachweises: Harald Roost

Der erste Hinweis auf eine „kleine Möwe“ ging am 13.01.2006 vom Biologen und Kantonsschullehrer Jürg Cambensy aus, der den Verdacht auf eine „vermutliche“ Zwergmöwe an der Schaffhauser Schifflände äusserte, eine im Winter selten auftretende Art. Er informierte „intern“ den lokalen Vogelschutzverein TURDUS sowie Stephan Trösch, worauf am Samstag, 14.01.2006 der Schaffhauser Ornithologe Pascal Parodi die auch ihm unbekannte kleine Möwe am Rhein beim „Lindli“ Schaffhausen sehen konnte. — Er informierte Martin Roost und Stephan Trösch über die Beobachtung. Es gelang ihnen zunächst nicht, am späteren Nachmittag bei diffuser werdendem Licht die Möwe (als Aztekenmöwe oder Präriemöwe) eindeutig zu bestimmen. Immerhin konnte eine Zwergmöwe ausgeschlossen werden. Erst ein Telefongespräch vor Ort von Stephan Trösch mit dem Möwenkenner Manuel Schweizer gab dann die Gewissheit, dass es sich um eine Präriemöwe im 2. Kalenderjahr (KJ) handelte, eine Art, die bis anhin in der Schweiz noch nie nachgewiesen wurde.

Beobachtergruppe am Rhein beim „Lindli“ Schaffhausen | 15.01.2006, Foto: Stephan Trösch

Die sensationelle Entdeckung machte schnell die Runde und tagsdarauf kam es zu den „berühmt-berüchtigten“ Aufläufen von Beobachterinnen und Beobachtern aus nah und fern, welche die Präriemöwe als Beobachtung und Fotografie in ihr Artenportfolio aufnehmen wollten. Für einmal war der Beobachtungsort ohne Probleme offen zugänglich, in keiner „sensiblen“ Naturschutzzone und zudem zeigte sich die Präriemöwe alles andere als scheu. Perfekte Bedingungen für Beobachtende und Fotografierende.

Die Einträge in http://www.ornitho.ch zeigen auf, dass die Präriemöwe in Schaffhausen letztmals am 31.01.2006 beobachtet wurde. Nach einer mehrwöchigen Absenz wurde sie überraschenderweise am 20.02.2006 an der Limmat bei Dietikon ZH wiederentdeckt. Da sich auch diese im 2.KJ befand, darf angenommen werden, dass es sich um den „Schaffhauser Vogel“ handelte. Die Möwe sorgte seit ihrer Entdeckung für lokale und nationale Schlagzeilen und schaffte es am 18.01.2006 sogar in die Sendung „10 vor 10“ des Schweizer Fernsehens:

Link zum Beitrag: Präriemöwe in der Sendung "10 vor 10" des Schweizer Fernsehens, bei "Bild des Tages", 10'48"

Erst 13 Jahre später wurde publik, dass die eigentliche Entdeckung der Präriemöwe bereits am Mittwoch, 04.01.2006, also zehn Tage vor der bis dato bekannten Erstsichtung stattfand. — Harald Roost, Fotograf und Ornithologe entdeckte die für ihn damals unbekannte Möwe am Rhein beim Kraftwerk Schaffhausen. Sie hielt sich auf der gegenüberliegenden zürcherischen Seite auf, wo Harald Roost Belegaufnahmen machen konnte. Da ihm die Spezialliteratur zur Möwenbestimmung fehlte wurde es dem Beobachter erst mit dem Erscheinen der ersten Presseartikel bewusst, welche Möwenart er entdeckt und fotografiert hatte. Im Oktober 2019 wurde seine Entdeckung auf ornitho.ch veröffentlicht und der Nachweis von der Schweizerischen Avifaunistischen Kommission (SAK) anerkannt.

Beobachtende am 15.01.2006 am Schaffhauser Lindli. In Bildmitte Möwenkenner Manuel Schweizer, der telefonisch entscheidend mithalf, die Möwe am 15.01.2006 zu bestimmen. Foto: Stephan Trösch
Präriemöwe, 2.KJ | 16.01.2006, Schaffhausen, Schifflände, Foto: Martin Roost
Präriemöwe, 2.KJ | 20.01.2006, Schaffhausen SH, Foto: Stephan Trösch
Grosses Interesse von Ornithologen und Passanten | 22.01.2006, Schaffhausen, Schifflände; Foto: Martin Roost
Präriemöwe, 2.KJ | 22.01.2006, Schaffhausen SH, Foto: Martin Roost

Fachartikel zum Thema

Folgende Nachweise der Präriemöwe sind in der Schweiz bekannt:
1 Ind. 2.KJ, 04.01. und 14. - 31.01.2006, Flurlingen ZH und Schaffhausen SH
1 Ind. 2.KJ, 20.02. - 09.03.2006, Dietikon/Unterengstringen ZH
1 ad. PK, 04. - 05.05.2016, Cudrefin VD und Marin-Epagnier NE

Quelle: www.ornitho.ch

Erstnachweis der Polarmöwe in der Schweiz

1. Nachweis CH | Merligen BE (Thunersee)

In den letzten 16 Jahren gab es in der Schweiz vier Erstnachweise von neuen Möwenarten: 1997 entdeckte M. Schweizer in Romanshorn die erste Steppenmöwe, 2005 M. Wettstein am Thunersee bei Merligen eine Aztekenmöwe, 2006 P. Parodi in Schaffhausen eine Präriemöwe und jetzt, am 25.01.2013, M. Hammel in Merligen am Thunersee (Kanton Bern) eine Polarmöwe. Letztere zählt im europäischen Binnenland zu den sehr seltenen Ausnahmeerscheinungen. Eine in früherer Literatur aufgeführte Polarmöwe von 1849 vom Neuenburgersee erwies sich bei einer Revision als Eismöwe (Maumary et al., 2007). Wie gewöhnlich bei Erstnachweisen lockte die Polarmöwe seit ihrer Entdeckung dutzende von Ornithologinnen und Ornithologen an den Thunersee und wie damals bei der Präriemöwe in Schaffhausen fand der Vogel eine starke Präsenz in verschiedenen Medien der ganzen Schweiz.

1. Nachweis CH | Merligen BE (Thunersee)

Die endemisch in Grönland vorkommende Polarmöwe (Nominatform Larus glaucoides glaucoides) brütet dort in mehreren 10’000 Brutpaaren. Sie überwintert im Nordatlantik (Island) bis zu den Britischen Inseln. Die ihr sehr ähnliche Unterart – Kumlienmöwe Larus glaucoides kumlieni – ist Brutvogel in der kanadischen Arktisregion (ca. 10’000 Brutpaare) und überwintert von Labrador bis Neu-England und im Gebiet der Grossen Seen. Polarmöwen sind – zusammen mit der grösseren und ihr ähnlichen Eismöwe – an der Küste Deutschlands regelmässige aber spärliche Wintergäste, die hauptsächlich einzeln auftreten. Im Winter 2012 gab es in Norddeutschland einen Einflug von mehreren Polarmöwen mit Beobachtungen an etwa 25 Orten, u.a. bis im 200km von der Küste entfernten Raum Braunschweig. – Quellen: G. Braemer in „Aves Braunschweig 3 (2012), D. Gruber in Club300.de (02.02.2012) sowie Meldungen in ornitho.de.

Polarmöwe über dem Thunersee, 30.01.2013

Woher stammt der schweizerische Erstnachweis? Oft sind starke Stürme aus westlicher Richtung Ursachen für Verfrachtungen von Vögeln bis ins europäische Binnenland. Wir erinnern uns an den Sturm „Lothar“ von 1999, der viele Hochseevögel (Pelagen) u. a. bis nach Mitteleuropa brachte. Bei der Polarmöwe von Merligen könnte es durchaus auch um einen der in Norddeutschland im letzten Winter eingeflogenen Vögel handeln und der jetzt seiner inneren Uhr folgend den Weg ins Winterquartier Schweiz eingeschlagen hat. Regelmässige updates zu den Beobachtungen finden Sie auf Swissbirdalert. —